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Elucidário Madeirense Startseite
Artikel Nr. 0560 Industrie und Handwerk Bd. I · S. 314–319 11 Min. Lesezeit

Stickerei

Originaltitel: Bordados

Geschichte der madeirischen Stickereiindustrie von ihren Anfängen in den 1850er-Jahren, gefördert durch Miss Phelps sowie englische und später deutsche Exportunternehmen, bis zu ihrem Aufschwung 1923, mit Exportzahlen, Angaben zur Zahl der Stickerinnen und zu ihren Löhnen. Sie wurde zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Insel und bewirkte tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen.

Stickerei

1Anfänge und Wachstum bis 1906

Die Ausländer, die zu Beginn des zweiten Viertels des 19. Jahrhunderts über Madeira schrieben, erwähnen die Stickerei nicht. Das scheint zu bedeuten, dass es sie damals entweder noch nicht gab oder dass sie auf der Insel noch keinerlei Bedeutung hatte. 1850 wurden auf einer Gewerbeausstellung in Funchal einige madeirische Stickereien gezeigt. Doch erst zwischen 1854 und 1856 begann man, diese Arbeiten auf der Insel in großem Umfang herzustellen, und zwar wegen der Nachfrage, die sie bereits auf den Märkten Englands fanden. Dort hatte Miss Phelps sie über einige Personen aus ihrem Bekanntenkreis bekannt gemacht. Nach Miss Phelps traten die englischen Kaufleute Roberto und Franck Wilkinson auf, die die Ausfuhr madeirischer Stickereien nach England in noch größerem Umfang betrieben. So entwickelte sich nach und nach ein Gewerbe, für das die Frauen unserer ländlichen Gegenden eine ausgesprochene Begabung zeigten und das schon vor etwa 60 Jahren eine bedeutende Quelle des Wohlstands für unsere Insel war. 1862 gab es nach der Estatística Industrial do Districto do Funchal von Francisco de Paula de Campos e Oliveira auf Madeira 1029 Stickerinnen. Der Verkaufserlös der Stickereien auf der ganzen Insel belief sich auf etwa 100 Contos (eine Million Réis) de Réis in Inselwährung, und täglich wurden für diese Arbeiten fast 15 Kilogramm Garn verbraucht. Die Stickereien, so heißt es in derselben Statistik weiter, wurden größtenteils an Ausländer verkauft, die sie in ihrem Gepäck mitnahmen; die direkt über das Zollhaus ausgeführten hatten einen Wert von nicht mehr als 6 oder 7 Contos de Réis. Der Lohn der Stickerinnen lag damals bei 100 bis 150 Réis (alte portugiesische Rechnungsmünze; 1$000 = 1000 Réis, 1:000$000 = ein Conto = 1 000 000 Réis) täglich.

Bis 1878 nahm die Ausfuhr der Stickereien, wie wir glauben, stetig zu; in diesem Jahr wurde sie auf 55.252.000 Réis geschätzt. 1880 jedoch war sie auf 12.937.000 Réis gesunken, weil die Luxusstickereien in England etwas aus der Mode gekommen waren. Beträchtlich waren allerdings die Summen, die aus dem Verkauf von Stickereien an die zahlreichen Ausländer, die uns besuchten, auf der Insel blieben. Eben dies erhielt und belebte ein Gewerbe, das den Frauen, die es ausübten, zwar keine großen Einkünfte brachte, aber doch in gewissem Maß zur Besserung der Lage vieler Familien beitrug. Das Geschäft von Madame Counis in der Rua de João Tavira war damals dasjenige mit den meisten Verkäufen in der ganzen Stadt. Dort fand man Arbeiten der unterschiedlichsten Art, von weißen Stickereien mit einfachem Muster bis zu Seidenstickereien und Tapisseriearbeiten in einfachem oder doppeltem Stich. Vor etwas mehr als 50 Jahren, um 1890, ließen sich in Funchal die ersten deutschen Stickerei-Exporthäuser nieder – zum offenkundigen Vorteil eines Gewerbes, das mangels Absatzmärkten lange Zeit stagniert hatte. Unsere Stickereien, die bis dahin nur in England wirklich bekannt waren, verbreiteten sich nun nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten von Amerika und anderen Ländern. Daraus ergab sich eine erhebliche Steigerung der Produktion, die nicht nur der ländlichen Wirtschaft, sondern der Wirtschaft des ganzen Distrikts außerordentlich zugutekam. Der Betrag, der im gesamten Archipel für die Entlohnung der Arbeit aufgewendet werden musste, stieg von 200 Contos im Jahr 1893 auf 461 Contos im Jahr 1906. Grund dafür waren die höhere Ausfuhr und die beträchtlich gestiegenen Verkäufe in Funchal selbst, dank der Ankunft einer größeren Zahl von Dampfern mit Durchreisenden in unserem Hafen.

Die folgende Übersicht, in der nur der Wert der über das Zollhaus abgewickelten Ausfuhren erscheint, vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung, die die Stickerei für Madeira im Zeitraum von 1900 bis 1919 hatte:

1900229.928.090
1901213.957.270
1902190.719.700
190398.863.340
190458.735.200
190599.690.760
1906242.342.180
1907277.530.240
1908186.194.810
1909257.599.400
1910287.551
1911188.560
191279.950
1913143.009
1914156.767
1915201.052
191629.140
1917702.695
1918766.128
1919615.057

2Stickerinnen und Techniken

„Es gibt auf Madeira“, schreibt Vitorino José dos Santos in Nr. 5 des Boletim do Trabalho, „zwei klar voneinander geschiedene Gruppen von Stickerinnen: die ländlichen und die berufsmäßigen Stickerinnen. Die ersten sind über den ganzen Distrikt verbreitet, wenn auch weit stärker an der Südküste Madeiras und auf der Insel Porto Santo (‚Heiliger Hafen‘). Die zweiten wohnen vor allem im Kreis (concelho) Funchal und hier besonders in den Gemeinden Santa Maria Maior (‚heilige Maria‘) und São Gonçalo (‚heiliger Gonçalo‘), wo die feinsten Stickereien des ganzen Distrikts entstehen.

Auch die Verdienste der beiden Gruppen von Stickerinnen sind sehr unterschiedlich. Manche berufsmäßigen Stickerinnen verdienen täglich zwei- bis dreimal so viel wie die beste ländliche Stickerin. Dieses Ergebnis wird stets um den Preis beharrlicher Arbeit über eine übermäßige Zahl von Stunden erzielt, und entsprechend vollkommen sind die Stickereien, die dabei entstehen.

Die Stickereiindustrie bietet diesen Stickerinnen jedoch nicht die Vorteile, die wir für die ländlichen Stickerinnen aufgezeigt haben. Diese üben dank der Abwechslung ihrer Arbeit, der größeren Sorglosigkeit des Landlebens und der geringeren Arbeitsintensität eine Tätigkeit aus, die sie nicht ermüdet und einigermaßen gesund ist. Die berufsmäßigen Stickerinnen dagegen leiden zum größten Teil an einer maßlosen Liebe zum Luxus, und sie leben im Kreis Funchal, wo dieser Luxus unter den weniger begüterten Schichten sehr groß ist. Deshalb arbeiten sie mehr, als sie sollten, Tag und Nacht und mit erschöpfender Intensität, wobei sie fast immer nur sehr wenig auf eine kräftigende Ernährung achten. So richten sie sich in kurzer Zeit zugrunde und ziehen sich schwere Krankheiten zu, etwa die Tuberkulose, die unter dieser Gruppe von Stickerinnen große Verheerungen anrichtet.“

Herr Santos nimmt an, dass es 1906 im ganzen Distrikt 30.000 ländliche und 2000 berufsmäßige Stickerinnen gab; die ersten verdienten im Durchschnitt 70 Réis (alte portugiesische Rechnungsmünze; 1$000 = 1000 Réis, 1:000$000 = ein Conto = 1 000 000 Réis), die zweiten 200 Réis. Abgesehen von einigen kleinen einheimischen Händlern beschäftigten 8 Häuser diese Arbeiterinnen, 2 portugiesische und 6 deutsche. Der Betrag, den sie im ganzen Distrikt für die Arbeitslöhne aufwandten, belief sich auf etwa 461.000.000 Réis. Herr Santos veranschlagte auf 151.000.000 Réis, was dieselben Häuser für Gehälter ihrer Angestellten, die Verteilung der Stoffe, die Annahme der fertigen Arbeiten und verschiedene weitere Kosten ausgaben. Daraus schloss er, dass der Wirtschaft des Distrikts jährlich rund 596.000.000 Réis zuflossen – selbstverständlich nicht gerechnet, was aus den Exportgewinnen ebenfalls hier verblieb.

„Die Stickereien Madeiras“, sagt Herr Vitorino José dos Santos weiter, „wurden früher fast alle mit blauem Garn auf Baumwollstoff oder Batist ausgeführt; man passte sie zuvor eigenen Vorlagen (riscos) an, heftete sie darauf und unterlegte sie sorgfältig. Diese Arbeitsgänge waren grundlegend für die Herstellung einer guten, festen und haltbaren Stickerei.“ „Noch heute wird auf Madeira so gestickt, wenn es verlangt wird, doch das kommt selten vor. Seit sich die deutschen Häuser in Funchal niedergelassen haben, ist es allgemein üblich geworden, mit weißem Garn unmittelbar auf Stoffe zu sticken, auf die die jeweiligen Muster aufgedruckt sind. Wegen der Forderung nach niedrigeren Preisen setzte sich die Menge gegen die Qualität durch, und auch das Unterlegen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Haltbarkeit der Stickerei, verschwand fast ganz.“

3Krieg, Aufschwung und Warnungen

Der europäische Krieg, in den Portugal hineingezogen wurde, fügte der Stickereiindustrie anfangs schweren Schaden zu. Die deutschen Märkte, so Herr Vitorino José dos Santos in Nummer 97 des Boletim do Trabalho Industrial, schlossen sich, und selbst in Amerika ließen die Unwägbarkeiten einer ungewissen Zukunft die Aufträge bald zurückgehen. Das zwang zur Einschränkung der Arbeit und zur Entlassung von Angestellten und Arbeiterinnen in den Stammhäusern und Werkstätten. So schrecklich die Krise auch war, sie dauerte doch nicht lange: Ende 1918 gab es in Funchal 34 Stickerei-Exporthäuser, die für Arbeitslöhne und Gehälter der Angestellten etwa 1500 Contos ausgaben. Am 31. Dezember 1912, also vor Kriegsbeginn, hatte es 19 solcher Häuser gegeben, die für Arbeitslöhne etwa 600 Contos aufwandten.

Herr Vitorino José dos Santos nimmt an, dass es am 31. Dezember 1912 im ganzen Distrikt 32.000 ländliche und 2500 berufsmäßige Stickerinnen gab und dass sich die von ihnen geleistete Arbeit bis zum 31. Dezember 1914 infolge der durch den europäischen Krieg ausgelösten Krise auf die Hälfte verringert hatte.

Die Stickereiindustrie blüht gegenwärtig (1923) auf Madeira und scheint die Verluste kaum noch zu spüren, die sie erlitt, als der europäische Krieg die deutschen Märkte für die Erzeugnisse der Insel verschloss. Die Vereinigten Staaten führen die größte Menge madeirischer Stickereien ein, und England bleibt trotz seiner Einfuhrbeschränkungen für Luxusartikel ein wichtiger Absatzmarkt für sie. Viele Frauen in Funchal leben ausschließlich von der Stickerei, und auf dem Land tragen die Einkünfte, die viele Arbeiterinnen daraus beziehen, erheblich dazu bei, vielen Familien ein sorgenfreieres Leben zu ermöglichen.

Soll sich jedoch eine Industrie behaupten, die der großen Mehrheit der madeirischen Bevölkerung so viel Nutzen bringt und heute die bedeutendste der Insel ist, so müssen ihre Erzeugnisse so beschaffen sein, dass sie in den Verbraucherzentren breite Nachfrage finden. Die Qualität der Quantität zu opfern, wie es bei der Erledigung von Auslandsaufträgen oft geschehen ist, heißt unsere Stickereien in Verruf zu bringen und eine künftige Krise heraufzubeschwören, die dem Wirtschaftsleben unserer Heimat unermesslichen Schaden zufügen wird.

Ende 1923 gab es in Funchal rund 100 Stickereihäuser, und der Wert der Ausfuhren nach Amerika, England, Südafrika, Kanada, Frankreich usw. wurde auf etwa 70.000 Contos geschätzt. Zur selben Zeit beschäftigte die Stickereiindustrie etwa 70.000 Menschen beiderlei Geschlechts, teils als Angestellte der Exporthäuser, teils in Heimarbeit. Manche Frauen verdienten dabei 8, 9, 10 und 12 Escudos (portugiesische Währung ab 1911, = 1000 Réis) täglich, und Männer bezogen Gehälter von 200 bis 1500 Escudos monatlich.

Der Aufschwung der Stickereiindustrie hat unser gesellschaftliches Leben tiefgreifend verändert. Sehr zu wünschen ist daher, dass sie stets blühend bleibt, damit in vielen Haushalten nicht Mangel und Not einkehren, die dort derzeit (1923) unbekannt sind. Die beträchtlichen Gewinne, die ein Teil der Bevölkerung unmittelbar oder mittelbar aus dieser Industrie zieht, haben bei vielen Menschen Bedürfnisse geweckt, die befriedigt werden wollen. Verlöre diese Industrie, die so manchem Haushalt Wohlstand und mitunter Reichtum gebracht hat, morgen an Bedeutung, so entstünde eine Krise, die großes Unheil nach sich ziehen könnte.

Die Entwertung unserer Währung ist die Hauptursache für den Aufschwung der Stickereiindustrie. Es ist jedoch zu bedenken: Hat dieser Aufschwung auch die Folgen der Wirtschaftskrise gemildert, die das Land durchlebt, so hat er durch höhere Löhne und Geschäftsgewinne auch erheblich dazu beigetragen, in einem Teil unseres Volkes einen Hang zum Genuss und verschwenderische Gewohnheiten zu wecken, die sich früher nicht zeigten.

Da die Stickereiindustrie keine Gewähr für dauerhaften Wohlstand bietet, gebietet die Klugheit, dass jene, die von ihr leben, sich nicht an unnötige oder nutzlose Ausgaben gewöhnen. Denn was heute möglich ist, könnte es morgen nicht mehr sein, wenn sich die Bedingungen ändern, unter denen diese Industrie auf unserer Insel betrieben wird (1923).

Am Ende dieses Bandes des Elucidário werden wir weitere Angaben und verschiedene statistische Daten der letzten Jahre zu dieser bedeutenden madeirischen Industrie mitteilen.

In diesem Artikel

Zeit

Erwähnte Jahre · 08
  1. Im Palast der Zivilverwaltung in Funchal fand eine Ausstellung madeirischer Erzeugnisse statt, darunter Stickereien; 17 Silbermedaillen wurden verliehen.

  2. Zwischen 1854 und 1856 begann auf Madeira die Herstellung von Stickereien in großem Maßstab für den englischen Markt.

  3. Auf Madeira gab es 1.029 Stickerinnen; der Umsatz lag bei etwa 100 Contos.

  4. Die Ausfuhren madeirischer Stickereien sanken auf 12.937.000 Réis, da aufwendige Stickereien in England aus der Mode kamen.

  5. Um 1890 wurden in Funchal die ersten deutschen Stickerei-Exporthäuser gegründet.

  6. Im Distrikt Funchal arbeiteten etwa 30.000 Stickerinnen auf dem Land und 2000 Berufsstickerinnen.

  7. Nach der Krise während des Krieges gab es in Funchal 34 Stickerei-Exportunternehmen.

  8. Ende 1923 exportierten etwa 100 Stickerei-Exportunternehmen in Funchal Waren im Wert von rund 70.000 Contos, hauptsächlich nach Nordamerika. Sie beschäftigten etwa 70.000 Menschen.

Ort

Erwähnte Orte · 08

Ausland

Karte: Arquipélago da Madeira (8)
  1. Deutschland

    Germany. Herkunftsland der Exportunternehmen, die etwa ab 1890 hinzukamen, und Absatzmarkt.

  2. England

    United Kingdom. Erster wichtiger Absatzmarkt für madeirische Stickereien.

  3. Funchal

    Ort der Ausstellung von 1850 und Sitz der Stickerei-Exportunternehmen.

  4. Porto Santo

    Gebiet mit vielen Stickerinnen auf dem Land.

  5. Rua de João Tavira

    Funchal. Straße, in der sich Madame Counis’ Stickereigeschäft befand.

  6. Santa Maria Maior

    Funchal. Gemeinde, in der Berufsstickerinnen besonders feine Arbeiten herstellten.

  7. São Gonçalo

    Funchal. Gemeinde, in der Berufsstickerinnen besonders feine Arbeiten herstellten.

  8. Vereinigten Staaten von Amerika

    United States of America. Bis 1923 größter Importeur madeirischer Stickereien.

Personen

Erwähnte Personen · 06
  1. Verfasser der Estatística Industrial do Districto do Funchal, der Quelle für die Stickereizahlen von 1862.

  2. Englischer Kaufmann, der nach Miss Phelps madeirische Stickereien nach England exportierte.

  3. Inhaberin des führenden Stickereigeschäfts in der Rua de João Tavira um 1880.

  4. Engländerin, die madeirische Stickereien in den 1850er-Jahren in England bekannt machte und damit den Wirtschaftszweig begründete.

  5. Englischer Kaufmann, der zusammen mit seinem Bruder Franck die Stickereiexporte nach England ausbaute.

  6. Verfasser von Berichten über Madeiras Stickerinnen im Boletim do Trabalho, die hier vielfach zitiert werden.

Auf dem Bogen B

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